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Das Wochenbett - die Zeit des Ankommens

Aktualisiert: 7. Feb.


Die Wochen nach der Geburt sind von unschätzbarem Wert für die körperliche und emotionale Gesundheit von Mutter und Kind. In unserer westlichen Welt ist die Zeit des Ankommens in Vergessenheit geraten. Es wird ausser Acht gelassen, dass durch die Geburt nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter neu geboren wird. Erfahre in diesem Beitrag die Bedeutsamkeit der Ruhe im Wochenbett.





„Eine Gesellschaft ist immer so stark wie ihre Mütter“ altes schamanisches Sprichwort


Schon seit Jahrhunderten und in verschiedenen Kulturen ist klar, dass die Erholung nach der Geburt Mutter und Kind zu Gute kommt. Das Wort Wochenbett (früher Kindbett) enthält die Definition bereits; einige Kulturen unterstützen die Frau, damit sie die ersten 3 Wochen mehrheitlich liegend und mit ihrem Kind verbringen kann. In anderen Ländern dürfen frische Mütter 40 Tage das Haus nicht verlassen. Eine alte Hebammenregel rät: "Eine Woche im Bett, eine Woche um das Bett und eine Woche ums Bett herum / im Haus". Die bewusste Pflege im Wochenbett stärkt nicht nur die physische, sondern auch die emotionale Gesundheit, wodurch eine optimale Basis für den Alltag als Mama geschaffen wird.


Meine Tata (Grossmutter) war Bäuerin in den Bündner Bergen und Mutter von fünf Kindern. Sie erzählte mir, dass die Hebamme sie nach ihren spontanen Geburten fast 2 Wochen im Spital hielt, damit sie Zuhause nicht direkt wieder auf dem Feld oder im Haus mitarbeitete. Bestimmt spielten zu dieser Zeit auch die hygienischen Zustände und das Risiko vom "Kindbettfieber" oder die erhöhte Säuglingssterblichkeit eine Rolle. Doch zeigt es die Sinnhaftigkeit des wortwörtlichen "Wochenbett halten", die seit Generationen und über verschiedene Kulturen bekannt ist...


Das Wochenbett wird in das Früh- und Spätwochenbett unterteilt. Der Wechsel geschieht nach 10 Tagen. Folgende Aspekte sollen die grundlegende Wichtigkeit des Wochenbetts wieder ins Bewusstsein rufen:


Nr.1 - dein Körper dankt dir später


Nach einer Geburt liegt der körperliche Fokus auf der Heilung. Speziell im Frühwochenbett wird viel liegen (90% des Tages) und wenig sitzen empfohlen, um die Rückbildung und die Milchbildung zu fördern. Die Natur hat unseren Körper eindrücklich eingerichtet; das Stillen hat eine direkte Auswirkung auf die Gebärmutterrückbildung und kann sogenannte Nachwehen auslösen, damit die Gebärmutter nach und nach wieder kleiner wird. Die Bauchorgane finden ebenfalls ihren ursprünglichen Platz wieder - das Tragen eines Bauchgurtes oder einer stützender Unterhose kann hier weiterhelfen. Auf das Heben schwerer Lasten oder älterer Geschwister sollte (so gut wie möglich) verzichtet werden, um übermässigen Druck auf das Beckenboden-Gewebe zu vermeiden. Leichte Übungen kannst du in Rücksprache mit deiner Hebamme bereits im Frühwochenbett machen. Eine geeignete Rückbildung über mehrere Wochen lohnt sich ab etwa 6-8 Wochen nach der Geburt. Sie dient der Prophylaxe von Gebärmutter- oder Blasensenkung, wie auch Inkontinenz im Alter und ist von grosser Bedeutung für die zukünftige Lebensqualität. Reichhaltige, warme Mahlzeiten sind für die Heilung und die Milchbildung ebenfalls unerlässlich. Im Spätwochenbett können längere Spaziergänge und mehr soziale Kontakte eingebaut werden.

Jede Mama benötigt unterschiedliche Dinge, um sich zu stärken. Frische Luft oder ein paar Sonnenstrahlen am vierten Tag nach der Geburt ist nicht schlecht, doch der Spaziergang sollte definitiv noch warten. Hört auf euren Körper und tut euch Gutes!



Nr.2 - die Hormonachterbahn


Der gewaltige Hormonabfall nach der Geburt ist die extremste hormonelle Veränderung in kürzester Zeit, die je bei Menschen beobachtet wurde. Die evolutionäre Bedeutung zeigt uns das Bild der Löwenmutter. Diese Umstellung wird zur Unterstützung der Gebärmutterrückbildung und für die Milchbildung benötigt. Die Auswirkungen davon sind bei jeder Frau anders. Einige spüren kaum was, bei anderen macht sich der umgangssprachliche Babyblues bemerkbar. 15% erleiden durch das freudige Ereignis eine postpartale Depression (umgangssprachlich Wochenbettdepression). Das Ankommen im neuen Alltag benötigt Zeit und eine ruhige Atmosphäre. Oft fliessen Tränen wegen dem grossen Glück, der Geburt, dem neuen Alltag, der grossen Verantwortung, dem Weinen des Kindes oder der Selbstzweifel. Die frischen Eltern und das Kind lernen in diesen Tagen unglaublich viel dazu, vor allem auch über sich selbst. Demnach haben äussere Störfaktoren wie Arbeit, Prüfungen, anstrengende Besucher oder Termine etc. (natürlich nach Möglichkeit) speziell im frühen Wochenbett nichts zu suchen.


Nr.3 - Bindung wachsen lassen...


Dein Kind kommt mit eigenem Charakter und Temperament auf die Welt. Tatsächlich muss man sich in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt erst kennenlernen. In den ersten Lebensmonaten entwickelt sich das Urvertrauen des Neugeborenen - eine grundlegende Basis für die Gesundheit. Das Urvertrauen prägt das Selbstvertrauen, das zukünftige Bindungsverhalten, ja sogar das Immunsystem und die Intelligenz. Es wirkt sich somit stärkend auf das gesamte Leben aus. Das Bonding mit Haut auf Haut-Kontakt direkt nach der Geburt ist vielen Eltern ein Begriff. Die Bindung aufzubauen dauert jedoch länger - das Bonding kann im Wochenbett Zuhause wunderbar wiederholt werden. Dem Kind einen Rhythmus oder Selbstregulation beizubringen wird in den ersten drei Monaten nicht empfohlen!


Der Besuch sollte im Frühwochenbett auf ein Minimum reduziert werden. Das bedeutet, dass nur Besucher die euch als Familie gut tun eingeplant werden sollten. Das Kind gehört noch nicht in alle Hände und bleibt im besten Fall im Bonding bei Mama oder Papa. Es ist typisch, das Kinder bei ausgiebigem Besuch alles verschlafen, um sich vor den vielen neuen Reizen zu schützen. Abends und nachts verarbeiten die Neugeborenen und es kommt oft zu längerer Unruhe bzw. Schreiphasen. Es lohnt sich also die eigenen Bedürfnisse und auch die des Kindes zu kommunizieren z.B. in Bezug auf die Dauer des Besuchs oder die Bitte, das Zimmer zu verlassen, wenn gestillt wird. Familie und Freunde bieten oft ihre Hilfe an, fragt am Besten nach einer warmen Mahlzeit und Unterstützung bei der Hausarbeit oder mit Geschwisterkinder.


Nr.4 - auf Achtsamkeit setzen


In unserer westlichen Gesellschaft pulsiert die Schnelllebigkeit, Achtsamkeit findet meist keinen Platz. Das gesunde Wochenbett ist kein Ort für Alltag oder Hektik. Die ersten Wochen verfliegen unglaublich schnell. Das Wochenbett-Wunder findet ihr durch Achtsamkeit und Ruhe. Gebt euch den magischen Momenten hin, um sie als Erinnerung zu konservieren.


Achtsamkeit äussert sich durch verschiedene Formen:

  • Durch deine Aufmerksamkeit als Mutter oder Vater kannst du die Bedürfnisse deines Kindes früher wahrnehmen. Die Zeichen des Kindes können so stets besser interpretiert werden = Förderung von Urvertrauen!

  • Eine wertschätzende Haltung gegenüber dem eigenen Körper, der unglaubliches geleistet hat, ist Achtsamkeit und hat eine positive Auswirkung auf die Heilung und dein Selbstbild.

  • Selbstfürsorge als Mama - Achtsam mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen umgehen

  • Das Gespräch mit deinem Partner / deiner Partnerin oder einer Freundin kann Balsam für die Seele sein

  • Wenn du Tagebuch schreibst oder ein Notizbuch zur Hand hast lohnt es sich, die erlebte Geburt niederzuschreiben, das sind wertvolle Erinnerungsstücke.

  • Anerkenne dich und deine Familie für die erbrachte Leistung, sei stolz auf dich/euch!


Nr.5 - Väter / Bezugspersonen sind unersetzbar


Als Hebamme liegt bei mir der Fokus oft auf Mutter und Kind. Doch möchte ich hier klar stellen, dass die Anwesenheit des Vaters oder einer anderen nahen Bezugsperson im Wochenbett signifikant ist. Die Präsenz eines einfühlsamen Vaters fördert eine liebevolle und unterstützende Umgebung und dient nicht nur der Genesung der Mutter, sondern stärkt auch die Bindung innerhalb der Familie. Zu den Aufgaben des Vaters / der Bezugsperson im Wochenbett gehören den Besuch zu organisieren, Entlastung durch das Abnehmen von praktischen Arbeiten (Kinderpflege, kochen, einkaufen, Hausarbeiten erledigen). Wichtig ist auch als Vater die Selbstfürsorge nicht zu vergessen!


Nr.6 - finde deine Wochenbetthebamme!


Deine Wochenbetthebamme ist ebenfalls als Ressource in dieser intensiven Zeit zu betrachten. Sie beobachtet den Rückbildungs- und Heilungsprozess der Mutter, überwacht das Neugeborene und leistet damit einen Beitrag zur Gesundheitsförderung. Sie wird in dieser intensiven Zeit deine / eure Ansprechsperson für Fragen, Sorgen und weitere Gespräche sein. Damit die professionelle Beziehung zwischen der Hebamme und der Familie für beide Seiten stimmig ist, empfehle ich jeweils die passende Hebamme auf der Website hebammensuche.ch zu finden und bei einem Wochenbettvorgespräch eigenen Bedürfnisse zu klären.

Unter folgendem Button findest du mein Angebot:





Das wichtigste im Wochenbett ist, dass sich Mutter, Kind und natürlich auch der Vater / die Bezugsperson wohlfühlen. Denn was die Mutter oder nahe Bezugsperson fühlt, spiegelt das Neugeborene direkt wieder. Die Mutter-Kind-Beziehung funktioniert anfangs symbiotisch. Das Kind versteht sich als Einheit mit seiner Mutter und nicht als Individuum. Bis das Kind mit etwa drei Jahren wirklich in der Lage ist, sich als ein unabhängig von der Mutter existierendes Wesen zu erkennen durchläuft es einen Prozess von mehreren Phasen.


Neugeborene sind sehr sensible Wesen - über neun Monate werden sie in der Gebärmutter gehalten, gewiegt und vor äusseren Reizen geschützt. Unsere Umwelteinflüsse wie Licht, Geräusche, Temperatur, Berührungen und Düfte sind unbekannt und oft überfordernd für sie. Viel halten, tragen, stillen und Geräusche nachahmen oder abspielen, die bekannt aus der Bauchzeit sind (z.B. das Rauschen; siehe "white noise" auf youtube) helfen dem Kind in der Eingewöhnung auf dieser verrückten Welt.


 


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