Hebammen weltweit!
- Anna Barandun
- 21. Juli
- 9 Min. Lesezeit
3 Länder, 3 Welten, 3 Perspektiven
Andere Länder und Kulturen begeisterten mich seit meiner Kindheit. Viele meiner Reisen führten mich an ganz unterschiedliche Orte auf dieser Welt – und nicht selten kreuzten sich dabei geplant oder zufällig meine Wege mit meiner anderen Leidenschaft: der Hebammenarbeit. Was ich als Hebamme in Deutschland, Nepal und Mexiko erleben durfte,
hat meine Haltung nachhaltig geprägt. Jedes Land eröffnete mir einen kleinen Einblick in die Vielfalt des Gebärens – darin, wie Kinder geboren werden und wie dieser besondere Moment weltweit begleitet wird....

Einige meiner individuellen Erfahrungen in der Geburtshilfe auf drei verschiedenen Kontinenten möchte ich mit euch teilen. Ich berichte von persönlichen Anekdoten und Grenzerfahrungen. Dabei möchte ich kein Land und keine Institution allgemein werten, es handelt sich hier um meine persönliche Perspektive. Am Ende findest du meine Erkenntnis, die dich vielleicht überrascht!
DEUTSCHLAND #1: Hebammenpraktikum im Geburtshaus
DEUTSCHLAND #1: Hebammenpraktikum im Geburtshaus

Mein zweites Praktikum als Hebammenstudentin trat ich in einem eisigen Februar im Geburtshaus in Hamburg an.
Nachdem ich zuvor meine erste Praxiserfahrung in einem grösseren Spital absolviert und dabei meine Berufswahl ernsthaft hinterfragt hatte, wurde ich im Geburtshaus eines Besseren belehrt.
Dieser Ort erinnerte mich an das Feuer für meinen Berufswunsch - jenes Feuer, das mich seit meiner Kindheit begleitet.
Umgeben von unglaublich kompetenten und engagierten Hebammen erlebte ich, welche Bedeutung kontinuierliche und individuelle Begleitung in dieser einzigartigen Phase des Familienwerdens haben kann. Im Geburtshaus begleiteten wir Schwangerschaftskontrollen, Geburtsvorbereitung und verschiedene Kurse, wie zum Beispiel Babymassage – und zum ersten Mal erlebte ich die Kraft und das Wunder einer natürlichen Geburt.
Der Begriff der „Königin unter der Geburt“ war mir bis dahin fremd – hier konnte ich ihn mit eigenen Augen sehen: Frauen wurden unter der Geburt bestärkt, sie wurden gesehen, gehört, gehalten – in einem Raum voller Achtung und Würde. Nach der Geburt des Kindes und dem ersten Umbetten der Familie ins bequeme Bett wurde der Familie – noch vor der Plazentageburt – ein paar Minuten in diesem einzigartigen Moment geschenkt. Wir Hebammen verliessen kurz den Raum, warteten vor der Tür – und umarmten uns. Diese kleine Handlung war für mich eine neue, berührende Form von wertschätzender Zusammenarbeit: sich als Hebammen, ja als Frauen, gegenseitig zu feiern, diesen besonderen Moment gemeinsam zu würdigen – und zugleich der Familie diesen ersten, ungestörten Augenblick zu schenken.
Seither bin ich überzeugt: Jeder Mensch, der Geburtshilfe erlernen will – ob Hebamme oder Ärzt:in – sollte einen Einblick in ein physiologisches Setting erhalten.Wie sonst kann jemand Pathologie erkennen, wenn einem Physiologie fremd ist?
Im Geburtshaus gab es keine Wochenbettzimmer. Die Familien kamen zur Geburt ins Geburtshaus und gingen ambulant, also meist innerhalb der ersten sechs Stunden danach, wieder nach Hause. So fuhren wir oft mit dem Fahrrad durch Hamburg, besuchten Familien in ganz unterschiedlichen Phasen und Lebenswelten.
Zugegeben, das norddeutsche Grau und die Kälte machten mir etwas zu schaffen. Doch Hamburg hat mein (Hebammen-)Herz im Regen erobert. Umso mehr genoss ich im April die ersten warmen Sonnentage auf der Alster oder am Elbstrand. Doch das Wichtigste: Hier wurde ich als Hebamme geboren und die Erinnerungen an diese Zeit begleiten mich bis heute.
"Hier wurde ich als Hebamme geboren und die Erinnerungen an diese Zeit begleiten mich bis heute!" ~ Anna Barandun
NEPAL #2: Einblick ins Krankenhaus
Diese Erfahrung war für mich eine grosse Herausforderung. Einerseits empfand ich die Ärmlichkeit der vielen Menschen, die dieses Spital betraten aber auch die Energie als sehr bedrückend.
Diese Erfahrung war für mich eine grosse Herausforderung. Die Armut und Schicksale der Menschen, die dieses Krankenhaus betraten haben sehr bewegt und die Atmosphäre im Krankenhaus war bedrückend.
Von „Geburtshilfe“ zu sprechen, fällt mir in diesem Zusammenhang schwer – zu weit entfernt war das Erlebte von dem, was ich unter unterstützender Begleitung verstehe.
Zum einen erschwerten die wirtschaftlichen Bedingungen und sozialen Strukturen im Land die Situation der Frauen enorm. Zum anderen entsprach die Art der Geburtsbetreuung in den Kliniken einer Praxis, wie sie auch bei uns im Westen über weite Teile des letzten Jahrhunderts vorherrschte – eine medizinische Überzeugung, die heute glücklicherweise zunehmend hinterfragt und durch aktuelle, evidenzbasierte Erkenntnisse ersetzt wird.
Kam eine Frau zur Geburt, wurde sie meist von ihrer Mutter, Schwester oder einer anderen weiblichen Angehörigen begleitet. Bei der Anmeldung erhielt sie einen Plastiksack mit den nötigsten Dingen für die Geburt. Wenn ich mich richtig erinnere, befanden sich darin ein Infusionsbeutel, ein venöser Zugang und – im besten Fall – eine Decke für die Metallliegen.
Anschliessend wurde sie in einen Raum mit etwa zehn Liegen gebracht – ohne Vorhänge oder jeglichen Sichtschutz. Die Frauen lagen dort nebeneinander, bis sie laut Ärzteteam „geburtsbereit“ waren, also die Geburt unmittelbar bevorstand. Zur Beurteilung kamen etwa stündlich einige Ärzte, die nacheinander jede Frau vaginal untersuchten. Die Frauen wurden zu keinem Zeitpunkt über das Vorgehen informiert. Die Ärzte tauschten sich untereinander aus, richteten jedoch kaum ein Wort an die Gebärenden. Eine eigene Entscheidung der Frau war undenkbar.
Hebammen gab es in diesem Spital keine – dafür einige sehr freundliche Pflegefachfrauen, die meist noch in Ausbildung waren. Wenn der Geburtszeitpunkt gekommen war, musste die Frau in den gegenüberliegenden Raum wechseln – gehend oder gehend gezogen, obwohl das mit einem fast sichtbaren kindlichen Kopf kaum möglich war.
Dort standen etwa vier deutlich höhere Metallbetten bereit, auf die die Frauen mithilfe einer kleinen Trittstufe steigen mussten – für mich kaum vorstellbar in dieser Phase der Geburt. Die Frauen mussten sich in Rückenlage begeben, die Beine eingestützt wurde meist routinemässig ein Dammschnitt vorgenommen - es sei denn, das Kind war schneller geboren, als der Arzt eingreifen konnte. Nach der Geburt wurde das Kind meist nur kurz zum Abnabeln auf den Bauch der Mutter gelegt und danach sofort dem anwesenden Kinderarzt übergeben. Dieser brachte das Neugeborene direkt zur Überwachungseinheit im selben Raum, wo es untersucht, in ein Tuch gewickelt und dann allein dort gelassen wurde.
Das Thema Bonding sprach ich an – doch der kurze Hautkontakt während des Abnabelns wurde dort bereits als „Bonding“ verstanden. Ich kümmerte mich meist um Frauen, die zur Geburt allein kamen, oder um Neugeborene, die teils ihrem Schicksal überlassen wurden. Dort konnte ich zumindest einen sinnvollen Beitrag leisten – in allem anderen waren mir die Hände gebunden.

Es gab viele Situationen die mich schockierten. Zum Schutz des allgemeinen Wohlergehens möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht weiter ins Detail gehen. Die grösste Herausforderung war, mich unter diesen Umständen kulturell anzupassen und bei Situationen anwesend zu sein, die ich ethisch als unglaublich schwierig empfand. Auf Reisen ist es mir sonst ein tiefes Anliegen, eine Kultur möglichst authentisch kennenzulernen und zu achten, den Glauben zu respektieren und mich in bestehende Strukturen einzufügen. Doch hier stiess ich zum ersten Mal heftig an meine Grenzen.
"Die grösste Herausforderung war, mich unter diesen Umständen kulturell anzupassen und anwesend zu sein bei Situationen, die ich ethisch unglaublich schwierig fand... Es hat mich mehr als einmal innerlich fast zerrissen." ~ Anna Barandun
Besonders schwer zu ertragen war für mich die Neonatologie, mit ihren strikten und seltenen Besuchs- und Stillzeiten – meist lagen die Kinder einfach alleine in ihren Bettchen. Auch der Umgang mit Leben und Tod, mit Früh- und Neugeborenen, die möglicherweise zu schwach für dieses Leben waren, hat mich mehr als einmal innerlich fast zerrissen.
Sehr gerne hätte ich zudem einen Einblick in die Hebammenarbeit auf dem Land und in den Bergen Nepals erhalten. Ich hoffe sehr, dass die Geburtshilfe und der Umgang mit den Frauen dort ganz anders sind.
MEXIKO #3: Hausgeburtshilfe am Meer
Über Instagram bin ich auf Saskia gestossen, die Hebamme von Puerto Escondido. Ein Ort, an dem ich mich auf dieser Reise länger niedergelassen habe, der sich für mich wie eine Heimat am Meer anfühlte.
Saskia und ich trafen uns in einem Café. Wir verstanden uns auf Anhieb und rasch stellte ich fest, dass unser Verständnis für physiologische Geburtshilfe und vieles mehr auf einer Ebene lag. Aus dem geplanten Austausch entstand eine Freundschaft. Nachdem ihre Studentin spontan verhindert war, führte mich diese Reise zu Hausgeburten, Schwangerschaftskontrollen und Wochenbettbetreuung mit Saskia.
Der Umgang mit den Frauen in den mexikanischen Spitäler soll leider oft schwierig sein. Zeitmangel, wenig bis keine Aufklärung der Frauen oder mangelndes Fachwissen von dem betreuenden Fachpersonal zeigen die Folge; die Sectiorate in Mexiko mit 45% (2017) ist eine der höchsten weltweit, fast jedes zweite Kind wird per Kaiserschnitt geboren. Hebammen arbeiten meist freiberuflich oder in Geburtshäusern.
In Mexiko gibt es keine staatliche Ausbildung zur Hebamme. Die interessierten melden sich bei einer Hebamme und werden sie so lange begleiten, bis die Hebamme ihrer Schülerin eine Befähigung erteilt. Dies dauert meist ca. zwei Jahre.
Aufgewachsen ist Saskia in Mexiko City und hat dort eine Ausbildung zur Pflegefachfrau mit Schwerpunkt auf Gynäkologie absolviert. Danach begleitete sie über zwei Jahre eine Hebamme in den Bergen. Die Geburtsbetreuung von Saskia war fast identisch, wie wir Hebammen in Thusis physiologische Geburten betreuten, vielleicht auch wegen ihrer Ausbildung im Spital.
Einige interessante Unterschiede gab es jedoch: Die Nabelschnur wird als Beispiel nach der Geburt nicht mit der Schere durchtrennt, sie wird durchgebrannt. Der Grund seien deutlich weniger Infektionen, zudem falle der Nabel schneller ab. Tatsächlich fiel der Nabel erstaunlich rasch ab.
Gewogen wurde das Kind nur einmal am Tag nach der Geburt, danach lediglich wenn das Kind auffällig war. Saskia meinte dazu, es gäbe andere, wichtigere Parameter die zeigen, ob das Kind fit sei. Die Schwangerschaftskontrollen und Wochenbettbesuche dauerten im Schnitt 1.5 - 2h. Der Schwerpunkt lag auf den Gesprächen und der psychischen Gesundheit von Mutter und Kind. Zudem übernimmt die Hebamme vor allem im Wochenbett noch andere Aufgaben. Wir haben den Frauen Essen serviert, teilweise eingekauft oder Massagen gemacht. Die Pikettzeit oder der Feierabend nach den Geburten gestaltete sich natürlich ebenfalls anders: Während dem Warten auf die Einladung zur Geburt per Telefon waren wir oft am Strand. Nach der Geburt assen wir natürlich Tacos, schauten unvergessliche Sonnenuntergänge oder tanzten am Strand :)

Eine unvergessliche Geburt; Den Geburtspool wollte die Frau im Garten aufgestellt haben. Mit Meeresrauschen im Hintergrund und beim Sonnenuntergang kam das kleine Mädchen nach einer langen Geburt zur Welt.
Mexiko hat mein Leben auf viele Arten geprägt. Die Spiritualität, die wohl jede*r von uns in irgendeinem Lebensbereich lebt – die einen mehr, die anderen weniger – ist in Mexiko ganz selbstverständlich Teil des Alltags. Diese gelebte Verbindung zwischen Körper, Geist und Gemeinschaft spiegelt meine eigenen Werte und Überzeugungen auf wunderbare Weise wieder.
Was meine Arbeit als Hebamme betrifft, bin ich Saskia von Herzen dankbar für die Möglichkeit, dass ich sie bei ihrer Tätigkeit begleiten und unterstützen durfte. Die vielen bereichernden Gespräche über das Leben als Frau in Mexiko, über Geburtshilfe weltweit - Saskia selbst bringt ebenfalls Erfahrungen aus verschiedenen Ländern mit - und insbesondere die Rebozo-Anwendungen waren für mich unglaublich wertvoll. Ich kannte und nutzte die Methode bereits, doch durch die Arbeit vor Ort konnte ich meine Fertigkeiten erweitern. Umso schöner, dass ich in den darauffolgenden Jahren gemeinsam mit Saskia mehrfach beliebte Workshops für Hebammen in der Schweiz gestalten durfte – einer dieser kulturellen Schätze, der Frauen weltweit zugutekommen kann.
Diese Erfahrung hat mich auf allen Ebenen - fachlich wie persönlich - tief bewegt und wirkt bis heute nach in meinem Sein und Tun.
Eine kulturübergreifende Erkenntnis:
Von Nepal über Deutschland bis nach Mexiko offenbarten sich natürlich kulturelle Unterschiede. Noch extremer empfand ich jedoch die institutionellen Unterschiede in der praktizierten Geburtshilfe – sei es in einer riesigen Klinik, einem Geburtshaus oder bei einer Hausgeburt. Der entscheidendere Unterschied lag also weniger in der Kultur selbst, sondern vielmehr im Setting, in dem die Frau ihr Kind zur Welt brachte.
"Hebamme zu sein in der physiologischen Geburtshilfe – das ist überall auf der Welt dasselbe. Ob im Dschungel, in der Grossstadt oder in den Bergen; geboren werden ist ein Teil der Natur und hört sich physiologisch überall ähnlich an. Das fasziniert mich unter anderem so sehr an diesem Beruf!" ~ Anna Barandun
Das Hebammensein in der physiologischen Geburtshilfe ist überall auf der Welt im Kern dasselbe.
Wir sind da. Wir beobachten. Wir sprechen Mut zu, motivieren, halten den Raum - achtsam und ruhig. Wir geben Tipps und begleiten mit unserer Erfahrung. Wir lassen geschehen und greifen ein, wenn es nötig ist. Wir verfügen über geschärfte Sinne und ein tiefes Wissen, um die Physiologie zu schützen – und den schmalen Grat zur Pathologie rechtzeitig zu erkennen. Als Hebammen, die gesunde Frauen mit unkomplizierten Schwangerschaften und Geburten begleiten, tun wir auf der ganzen Welt im Wesentlichen dasselbe.
Egal, ob in Nepal, in Mexiko, in Deutschland oder in der Schweiz, ob im Dschungel, in der Grossstadt oder in den Bergen; geboren werden ist ein Teil der Natur und hört sich physiologisch überall ähnlich an. Das fasziniert mich unter anderem so sehr an diesem Beruf! Jede Frau, jedes Kind und jede Familie ist natürlich individuell. Wenn eine gebärende Frau aber unter der Geburt bestärkt und gehalten wird, strahlt sie eine Stärke, Schönheit und Kraft aus – weltweit wie eine Königin. Das berührt mich als Hebamme an jedem Ort dieser Welt!
Wir haben hier viele Privilegien und lange war ich der Überzeugung, dass die Herkunft einer Hebamme über die Qualität ihrer ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten entscheidet. Dieses Vorurteil konnte ich ablegen – heute bin ich der Meinung, dass es oft nicht der Realität entspricht.
Gerade im Hebammenberuf, wo Erfahrung, Intuition und Wissen so eng zusammenspielen, zählt mehr als nur theoretisches Lernen. Es ist ein Beruf, der die ursprünglichste Form des Lebens begleitet – und sich, zumindest im physiologischen, ausserklinischen Bereich, über Jahrhunderte hinweg wohl am wenigsten verändert hat. In vielen Ländern wird dieses Wissen noch immer mündlich über Generationen weitergegeben – für mich ist das ein kultureller Schatz. Heute bin ich überzeugt, dass der ökonomische Wohlstand einer Kultur nichts über die Qualität der Geburtshilfe im physiologischen Setting aussagt.
Im Gegensatz dazu haben Jahrzehnte patriarchaler Einflüsse die Geburtshilfe weltweit stark geprägt – in westlichen Ländern früher und tiefgreifender, in anderen Regionen mit Verzögerung, aber bis heute leider ebenso wirksam. Frauen wurde plötzlich das Gebären abgesprochen, die Rückenlage wurde zur Norm, routinemässige Dammschnitte selbstverständlich.
Diese Entwicklungen haben Spuren hinterlassen – besonders in klinischen Strukturen. Meine Erfahrungen in Nepal zeigen, wie tief diese Einflüsse auch heute noch in manchen Systemen verankert sind.
Weltweit gibt es unglaublich kompetente Hebammen, die nicht nur das theoretische Wissen teilen, sondern teils auch kulturell tief verwurzelte Fertigkeiten mitbringen. Sie machen einen grossartigen Job – ich bin dankbar für all die Lektionen, die ich durch sie und diese Erfahrungen lernen durfte!

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